Gesellschaft

Zwischen Zittern und Jetzt

Am Kafi-Tratsch im Foyer des Kellertheaters Bremgarten nahm das Urgestein des Theaters, Walter Küng, die Gäste mit auf eine Reise durch die Welt des Theaters.


home walterKueng1Gleich zu Beginn des Gesprächs machte Walter Küng klar, dass er nicht die Autorität respektive Besser- und Alleswisser für alles sei, aber er liebe seinen Beruf als Schauspieler, Regisseur und Autor und übe ihn in allen Facetten mit Freude aus. Rückblickend auf seine (fast) 50-jährige Tätigkeit in der Welt des Theaters hielt er mit einem zufriedenen Lächeln fest: «Aus der Fülle meines künstlerischen Lebens ist ein wunderbarer Blumenstrauss entstanden und ich kann die Blume herausnehmen, die mir gerade jetzt entspricht und es entsteht Neues.»

Es ist ein Wechselbad
Die Konsequenz des Entscheides als 21-Jähriger Schauspieler zu werden, sei der Vorsprechtermin bei der grossartigen Schauspiel- und Sprachlehrerin Ellen Widmann (1894 bis 1985) gewesen, erklärte Walter Küng. Die Knie hätten gezittert an seinem Vorsprechtermin, doch das Resultat sei sehr beruhigend gewesen, denn Ellen Widmann habe festgehalten: «Sie sind mein Schüler.» Damit habe eine harte Zeit mit drei Mal Probe in der Woche begonnen und er habe manchmal die Schulung mit Tränen in den Augen verlassen. Walter Küng betonte aber, dass er die nötige Disziplin gelernt und die Grundlage habe erarbeiten können, um sein Ziel zu erreichen, Schauspieler zu werden. Und fügte an: «Man sieht ja, was herausgekommen ist.» Die «musikalische» Ausbildung habe er im Kammersprechchor von Ellen Widmann erhalten, denn in diesem wurde vierstimmig gesprochen. «Das bewegt mich heute noch, denn es hat mir aufgezeigt, was man mit der Sprache alles machen kann.»

Seit mehreren Jahren arbeitet Walter Küng auch als Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Bereich Schauspiel und ist Mitglied des Gremiums, welches darüber entscheidet, wer einen der zwölf Studienplätze für die Schauspielausbildung zugesprochen erhält. Das sei eine sehr grosse Herausforderung, denn man müsse den Bewerberinnen aufzeigen können, was der Beruf Schauspielerin beinhaltet und an harter Arbeit fordert, meinte Walter Küng. Die Auseinandersetzung in den Vorgesprächen sei aber wirksam, denn es würden Fragen gestellt und Antworten gefunden. Es sei wie in der Liebe: «Einmal oben, einmal unten.» Er gab aber zu bedenken, dass sich für die 12 Studienplätze 850 junge Leute bewerben, so Walter Küng, aber viele von ihnen wollen einfach schnell auf die Bühne, vor die Kamera und in den Medien gelobt werden und das ist nicht realistisch. Angesprochen auf die Auswahl letztlich, hielt Walter Küng fest, dass das Urteil immer subjektiv sei. Aber wenn von den zwölf Studierenden letztlich nur acht die Ausbildung abschliessen, frage man sich schon, ob man bei der Auswahl nicht genau hingeschaut habe.

Seit 1000 Jahren tot gesprochen
Man spreche schon seit ewigen Zeiten davon, dass das Theater keine Zukunft habe, aber es gebe das Theater immer noch. Sicher haben sich Formen und Inhalte ge- und verändert, aber er sei überzeugt, dass gerade in der heutigen digitalen Welt es das Theater brauche. Das Theater habe schliesslich auch einen Bildungs-Auftrag und könne Gedanken, alte und neue Texte und Visionen im weitesten Sinn sicht- und hörbar machen, betonte Walter Küng. In Bezug auf alte Texte nannte er ein Beispiel des Kammersprechchores. Dieser habe Texte aus dem 15. Jahrhundert im Chor gelesen und danach festgestellt «das ist ja heute».

Natürlich haben die Ausdrucksformen in Wort und Spiel auf der Bühne positive Veränderungen erfahren, hielt Walter Küng fest. Die jungen Schauspielerinnen wollen sich in das Stück eingeben, gemeinsam mit dem Autor und dem Regisseur gestalten, so dass letztlich das Stück auf der Bühne zum eigenen Spiel werde. Er selber bringe immer noch gerne sogenannt alte Texte auf die Bühne, aber ebenso seine eigenen Texte. Das sei nicht entscheidend, so Walter Küng, sondern dass die Schauspielerinnen ihr Spiel ehrlich auf die Bühne bringen, so dass sich das Publikum damit auseinandersetzen und einen Moment durch nichts abgelenkt dasitzen kann. «Es muss eine Berührung von Spiel und Wort und dem Publikum entstehen – «das ist letztlich Theater». Das bedinge aber auch, dass sich die Akteure nach der Vorstellung nicht über den Hinterausgang hinausschleichen, sondern mit den Besucherinnen ins Gespräch suchen. Es sei eine wichtige Aufgabe, dass sich das Theater öffnet und seine Akteurinnen gegenüber dem Publikum sich auch als Menschen öffnen. Das sich in die Augen sehen können, sensibilisiere die Neugierde und das Publikum fühle sich ernst genommen. «Das Theater und das Publikum braucht diese Nähe und nicht einen pulverisierenden ‹Aktionitis›.» Das Theater in sich befasse sich vielfach zu sehr mit sich selber, meinte Walter Küng, und brachte es ganz einfach auf den Punkt: «Nicht das Publikum muss ins Theater kommen, sondern das Theater zum Publikum.»

Richard Wurz
29. August 2022
Bilder: Patrick Honegger

Der nächste Kafi-Tratsch im Foyer des Kellertheaters Bremgarten findet am Samstag, 24. September um 10 Uhr statt. Eintritt frei – HutKollekte. Reservationen an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Telefon 079 205 92 43. Weitere Informationen unter www.freiamtplus.ch

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Richard Wurz
Sternengasse 16
5620 Bremgarten

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