Gesellschaft

Die menschliche Arbeit macht den Wert

In den Anfängen der aargauischen Industrie gehörten die Baumwoll- und Seidenindustrie zu den Hauptindustrien im Kanton Aargau.


home industrie spinnerei windischDiese beiden Industriezweige hatten einen grossen Vorteil, denn die Produktion konnte sowohl in Heimarbeit wie in Fabriken betrieben werden. Dabei stand nicht der Rohstoff im Vordergrund, sondern die menschliche Arbeit, die letztlich den Wert der Fertigprodukte zur Hauptsache ausmachte. Die beiden Industrien mussten das Rohmaterial aus dem Ausland beziehen und produzierten in erster Linie für den Export. Damit waren sie aber auch den VerändeJrungen der internationalen Marktlage ausgeliefert. Das heisst, das Arbeitsvolumen und somit der Verdienst waren sehr ungleichmässig und nicht unbedingt verlässlich.

Seidenfabrikanten in Aarau und Zofingen
Bereits Ende des 17. Jahrhunderts nahm die Seidenindustrie im Aargau ihren Beginn. Während neben der Spinnerei die Bandweberei vorherrschend war, hatte die Seidenstoffweberei nur eine eher bescheidene Nebenrolle. Die wichtigen Zentren der Seidenverarbeitung waren schon im 18. Jahrhundert in Aarau und Zofingen, dabei wurden Heimarbeiter im Berner Aargau wie auch im Fricktal beschäftigt. Sogar die Basler Seidenfabrikanten beschäftigten viele Arbeitskräfte im westlichen Aargau. Die Seidenindustrie entwickelte sich ähnlich wie die Baumwollindustrie, begann doch kurz nach 1810 Johann Rudolf Meyer Sohn seine Seidenmanufaktur in Aarau zu mechanisieren.

Die Baumwollindustrie gewinnt an Bedeutung
Als Wirtschaftszweig hatte aber die Baumwollindustrie einen sehr wichtigen Anteil. So gelangte die Zeugdruckerei ‒ Baumwolltücher mit farbigen Mustern bedrucken ‒ zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den Aargau. Dabei sprach man von Indiennedruckerei oder –färberei, da die dazu verwendete Baumwolle aus Indien kam. Auffallend ist, dass genau wie in der Seidenindustrie Nachkommen von hugenottischen Flüchtlingen wie Laué, Brütel und Herosé bei der Verbreitung einen gewichtigen Anteil haben. Bereits 1720 fasste die Baumwollspinnerei und – -weberei Fuss, vorerst in der Gegend von Boniswil und Menziken und später im reformierten Teil Aargaus, besonders in den Gebieten südlich der Aare. Für die verarmte Bevölkerung war dies eine Erleichterung in ihrer Existenz, bedeutete sie doch ein dringend benötigtes Einkommen. So waren damals im Berner Aargau rund 13'000 in der Baumwollindustrie beschäftigt und in der Grafschaft Lenzburg wurden zum Beispiel 1755 rund 135'000 Baumwolltücher gewoben. Die geschäftstüchtigen Fabrikanten erwarben in den Munizipalstädten Zofingen und Lenzburg in anderen Dörfern durch den Baumwollhandel ansehnliche Vermögen. Als Umschlagplatz entwickelte sich vor allem die Stadt Aarau, die diesem Umstand ihren Reichtum, Ansehen und ihre Stellung im neuen Kanton Aargau verdankte.

Die erste mechanische Baumwollspinnerei erstellte 1810 Herzog von Effingen in Aarau. Es folgten die Hünerwadel in Niederlenz und Lenzburg, Heinrich Gautschi und Heinrich Weber in Reinach, Joh. Georg Hunziker in Aarau und Joh. Rudolf Grossmann in Aarburg. 1828 eröffneten die Brüder Bebié eine Baumwollspinnerei und –zwirnerei in Turgi und kauften 1846 die Spinnerei Richner & Co in Rupperswil. Der «Spinnerkönig» Heinrich Kunz erstellte 1828 die mechanische Spinnerei an der Reuss bei Windisch. Weitere wie 1835 die Spinnerei in der Aue zu Baden folgten, 1837 eröffneten Jakob und Xaver Weissenbach, Stadtbürger von Bremgarten, die Baumwollfabrik in der Aue zu Bremgarten und 1857 erstellte Johann Wild-Sieber dort wo die Sägerei und Mühle des Klosters Wettingen gestanden hatten eine Spinnerei und Weberei. Eine Statistik aus dem Jahre 1857 erfasste insgesamt 24 Baumwollspinnereien und –zwirnereien mit 163'768 Spindeln und 2802 Farbrikarbeitern. Dabei wurden rund 50'000 Zentner (1 Zentner entspricht 100 Kilogramm) Baumwolle gesponnen.

Die mechanische Baumwollweberei folgte der Spinnerei rund zwei Jahrzehnte später. Dass diese bis 1860 einen langsamen Fortgang nahm, lag weniger an den technischen Schwierigkeiten, sondern vielmehr am Überangebot an Arbeitskräften. Dieser Umstand drückte die Löhne und eine Mechanisierung war nicht zwingend notwendig.

Richard Wurz
21. September 2019
Bild: ETH-Bibliothek Zürich

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