Hintergrund

Das Neue suchen

Das Künstlerhaus Boswil hat neu die Akademie für Neue Musik initialisiert.


home tab bosw forum teilnDer Austausch und die Begegnung von MusikerInnen und KomponistInnen hat in Boswil eine langjährige Tradition. In den 1970er und 1980er Jahren gründete der Schweizer Komponist, Musiker und Dirigent Klaus Huber (*1924) die Komponistenseminare. Das war eine glanzvolle Zeit mit vielen Höhenpunkten und weltweit einem grossen Echo. In diesen Seminaren wurde von den MusikerInnen und KomponistInnen im Bereich der Neuen Musik vieles besprochen, entdeckt und musikalisch umgesetzt. Mit Klaus Huber hatten die SeminarteilnehmerInnen aber auch einen der faszinierendsten Komponisten der Gegenwart als Leiter, Ansprechpartner und Motivator Neues zu entdecken.

Reflexion und kreatives Labor
Das seit 2005 bestehende Ensemble Boswil und die internationalen Meisterkurse Komposition sind die Kernpunkte der neu initiierten Akademie für Neue Musik, welche im Geist, Gedankengut und Ausrichtung an die damaligen Komponistenseminare anknüpfen will. Dieses Projekt hat vor zehn Jahren Stefanie Braun übernommen und will es nun in die heutige Zeit überführen. In dieser Zeit habe sich ein interessanter Austausch ergeben, doch jetzt stellt sich die Frage: «Was brauchen wir jetzt, wohin können wir mit der Neuen Musik.» Diesen Weg wolle man gehen, hielt Stefanie Braun anlässlich der Vorstellung der Akademie für Neue Musik am Künstlerhaus Boswil fest. Die Boswiler Akademie verstehe sich explizit als Ort der Begegnung und des Austausches, betonte Stefanie Braun, dies auch für die Schweizer Musikhochschulen.
Der Kern von Boswil sei die Diskussion, das gemeinsame Proben und Erforschen, betonte Michael Schneider, Geschäftsführer Künstlerhaus Boswil. Die September-Probewoche habe einmal mehr deutlich gemacht, dass Boswil dafür der richtige Ort sei. Es soll das Neue gesucht werden ohne Vorbehalt ein Gelingen zu erhalten, aber ein konzeptionelles Resultat des Entstehens und Verstehens.

Die Ungenauigkeit liegt im Jetzt
In ihren Referaten gingen Professor Dieter Mersch, Leiter des Instituts für Theorie-Departement Kulturanalysen und Vermittlung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), und Komponist Daniel Weissberg gingen ausführlich und philosophisch der Frage nach «What′s now?». Mit dem Jetzt sei immer ein Ganzes vorhanden, nämlich Raum und Zeit, meinte Dieter Mersch. Er wies darauf hin, dass die Gegenwart, die Präsens, der Ort der Anwesenheit sei, das Bewusstsein des Augenblicks. Die Gegenwart beinhalte das Entgegenkommende, die Begegnung und das Auf- und Wahrnehmen. Die Präsens, die Gegenwart, sei letztlich das Sein der Aufmerksamkeit und die Achtung auf und zum Objekt. Und in der Fragestellung nach dem «Was» gelte es zu beachten, dass «nicht was es ist, sondern dass es ist». In Bezug auf das Kompositorische meinte Dieter Mersch, dass man nicht bereits das Übernächste erfassen könne, weil man das Nächste noch gar nicht zu kennen vermag. So würden zum Beispiel bei Wiederaufführungen immer wieder Einflüsse einwirken, so dass wohl etwas Neues entstehen könne, aber nicht sein müsse.
Was Jetzt sei, also die Gegenwart, wisse man damit beginne darüber nachzudenken, meinte Daniel Weissberg. «Wenn wir von Gegenwart oder Augenblick reden, sprechen wir über Erfahrung.» Die Ungenauigkeit des Augenblicks liege aber gerade im Jetzt. Die Gegenwart würde in drei Sekunden verarbeitet, so Daniel Weissberg, wies aber darauf hin, komme man in der Musik eine Sekunde zu spät, dann ist es nicht mehr der Augenblick. Er fügte aber an, dass das Jetzt so verschieden zu interpretieren und umzusetzen sei und sei kaum klar, was es ist, aber auch nicht, weil es ist.
Die beiden Referenten machten mit musikalischen Beispielen deutlich, wie es sich in der Musik von einem kleinen Moment bis zum Augenblick verhalten könnte und wie sich letztlich alles wieder anders erlebt und gesehen werden kann. Die Gegenwart sei eine Denkfigur, meinte Daniel Weissberg. Letztlich sei es aber eine Tatsache, so Dieter Mersch, dass die Differenz in dem bestehe, was man wahrnehme. Die Wahrnehmung gebe erst einen Zugang in die Welt, auch der Musik.

Richard Wurz
17. September 2017
Bilder: Richard Wurz

Adresse

freiamtplus.ch
Richard Wurz
Sternengasse 16
5620 Bremgarten

Kontakt

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Impressum

Impressum

Facebook