Hintergrund

Macht und Pracht

Das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Gnadenthal zeigt im Kreuzgang des Kulturdenkmals eine Sonderausstellung zum Thema «Macht und Pracht».


home tab gnadenthal ausst machtDie Bilder des Mellinger Malers Wiederkehr (1647 bis 1727) illustrieren die Geschichte des Zisterzienserordens. Der Grundgedanke des neuen Ordens war die Rückbesinnung auf die Regeln des Heiligen Benedikt. Das bedeutete Abkehr von der Prunksucht, die im Benediktinerorden um sich gegriffen hatte. Also Rückkehr zur Armut Christi. Mit dem Eintritt des Adeligen Bernhard von Clairvaux wuchs der Reformorden allerdings sehr schnell zu einem eigentlichen Wirtschaftsimperium heran ‒ dem Silicon Valley des Mittelalters. Der Orden stellte für mehrere Jahrhunderte einen veritablen europäischen Machtapparat dar. Das Kloster Gnadenthal war ein Bestandteil dieses Imperiums.

Die Angst vor der Hölle
Beim Eintritt in den Kreuzgang führt zuerst ein Bild aus dem Sachsenspiegel gekonnt in das Thema Macht ein. In der wunderschönen Ausgabe der Wolfenbütteler Handschrift sitzt der Papst hoch zu Ross, und der Kaiser kniet und hält ihm den Steigbügel. Das wohl älteste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters (um 1225) zeigt damit eindrücklich den Anspruch des Papstes (geistliche Macht) auf Vorrang vor der weltlichen Macht (Kaiser).
Die Menschen im Mittelalter glaubten an das nahe Ende der Welt und waren getrieben von der Angst vor der Hölle. Diese Angst instrumentalisierte die Kirche, denn sie verfügte ja über die Schlüssel zu Himmel und Hölle. Die Ausstellung im Kreuzgang zeigt anhand von Dokumenten und Gegenständen aus dem Fundus des ehemaligen Klosters Gnadenthal, wie Kirche und Kloster ihre Macht gekonnt einsetzten.
Da gab es die Androhung der Exkommunikation, Ablassbriefe usw. Aber auch die Reliquien dienten der Darstellung von Macht. Noch heute wird in der Klosterkirche am Ende des Gottesdienstes der Wettersegen erteilt. In der Ausstellung kann man das Wettersegenkreuz auf Fotos von nahe betrachten. Es enthält eine Reliquie von Niklaus von der Flüe.

Unzugängliches zugänglich gemacht
Trotz der ursprünglichen Absicht einer Rückkehr zu Armut und Bescheidenheit bringt das Zeitalter des Barock auch im Zisterzienserinnenkloster Gnadenthal herausragende Beispiele von Prunk und Pracht zum Blühen. Die Detailaufnahmen von Altären, Bildern, Türeinfassungen usw. machen die Ausstellung allein schon deshalb sehenswert, weil man diese Teile normalerweise nie so nah betrachten kann. Überdies werden Details aus Bauteilen und anderen Preziosen gezeigt, die üblicherweise nicht zugänglich sind ‒ das Kulturdenkmal Kloster Gnadenthal ist heute ja Teil eines Pflegezentrums.
Ein besonderes Highlight im Rahmen der Pracht im Gnadenthal ist das wunderschöne Äbtissinnenkreuz von ca. 1500. Leider kann es nur als Schwarz-Weiss-Bild gezeigt werden. Das Kreuz wird seit 1900 im Landesmuseum Zürich aufbewahrt. Irene Briner, die Kuratorin des Kulturdenkmals Gnadenthal, bekam bei ihren Recherchen die irritierende Auskunft, das Äbtissinnenkreuz sei ausgeliehen. Aber man wisse im Augenblick nicht mehr, an wen.

Macht und Gegenmacht
Die Ausstellung endet mit Beispielen der Gegenmacht: Die Epoche der Aufklärung lässt die Idee eines liberalen Staates entstehen, dem die Macht der Kirche im Wege steht. Im Freiamt eskaliert der Streit um die Vormacht der Kirche mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Wie Bernhard von Clairvaux mit brillanter Rhetorik seine Weltanschauung verbreitete, so wetterte Grossrat Augustin Keller nicht weniger gekonnt gegen dieselbe. Als politische und weltanschauliche Speerspitze der Kirchenmacht bekämpfte Augustin Keller die Klöster, die seiner Meinung nach nicht mehr in die Zeit passe und aufgehoben werden müsse.

freiamtplus
17. September 2017
Bilder: zVg

Die Ausstellung im Kreuzgang des Kulturdenkmals Kloster Gnadenthal ist noch bis 22. Oktober täglich frei zugänglich von 9 bis 20 Uhr. Führungen auf Anfrage. Weitere Informationen: www.reusspark.ch

Adresse

freiamtplus.ch
Richard Wurz
Sternengasse 16
5620 Bremgarten

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