Hintergrund

Die Geschichte eines «Parade-Baus»

Der Neubau des Klosters Muri im 18. Jahrhundert hätte das Kloster zu einer der grössten Klosteranlagen der Schweiz gemacht.


home tab klosterpflegi seiteDoch die Arbeiten am Neubau wurden 1798 unterbrochen und nie zu Ende geführt. Mit der Geschichte dieses Baus, der von Fürstabt Gerold II. Meyer (1729 bis 1810) in Auftrag gegeben wurde und unter der Leitung des Architekten Valentin Lehmann ausgeführt wurde, hat sich der Historiker Pascal Pauli in seiner kürzlich erschienenen Dissertation «Klosterökonomie, Aufklärung und ‹Parade-Gebäude› ‒ Der Neubau des Klosters Muri im 18. Jahrhundert» auseinander gesetzt. Es handelt sich dabei um die erste Murenser Monografie, die im Chronos Verlag erschienen ist. Innerhalb dieser Publikationsreihe sollen bis zum 1000-jährigen Jubiläum des Klosters Muri im Jahre 2027 weitere Werke folgen, damit nach und nach die Geheimnisse in der Geschichte des Klosters Muri gelüftet werden. Noch gibt es nämlich einige weisse Flecken, zu denen die HistorikerInnen forschen und interessante Resultate ans Tageslicht bringen können.

Forschungsarbeit ist hartes Brot
Doch die Forschungsarbeit ist nicht immer einfach und benötigt viel Zeit und Geduld. Davon kann Pascal Pauli ein Lied singen. Viel Zeit hat er in seine Dissertation gesteckt und ist bei seiner Arbeit immer wieder auf neue Fragen gestossen. Ob er schliesslich auf alle seine Fragen die Antwort gefunden hat, darüber müssen sich die LeserInnen nun selbst ein Bild machen. Allerdings ist festzuhalten, dass Pascal Pauli durchaus noch weitere Forschungsfelder entdeckt hat, zu denen man weiter forschen könnte. Neue Erkenntnisse sollen in der Tat bis zum Jubiläum noch zahlreich folgen.

Ein Parade-Bau zur falschen Zeit?
Das Buch von Pascal Pauli beleuchtet mit dem 18. Jahrhundert eine Zeitspanne, die bis anhin innerhalb der Geschichtsschreibung zum Kloster Muri keine grosse Beachtung gefunden hatte, wie der Autor feststellte. Die Zeit der Fürstäbte war im Grossen und Ganzen eine Zeit der Blüte, und die logische Konsequenz wäre der Erweiterungs- oder Neubau gewesen. Dies war allerdings in Muri nicht sofort der Fall, weil nicht direkt ein Raumbedarf bestand. Mit der Zeit musste das Kloster allerdings Strategien finden, wie es seine Gewinne sinnvoll investieren konnte. Denn es war dem Kloster aufgrund der Rechtslage nicht mehr möglich, weitere Ländereien zu erwerben. Gleichzeitig verdiente das Kloster aber viel Geld.
Wie man im Buch von Pascal Pauli erfährt, wurde das Kloster Muri aber von süddeutschen Fürstenhäusern um Kredite angefragt. Das Kloster liess sich nicht lange bitten und stieg in den Kredithandel ein. Allerdings kann Pascal Pauli in seinem Werk nachweisen, dass die Vergabe dieser Darlehen nicht in erster Linie dazu gedacht waren, den Neubau zu finanzieren, wie das zuvor in der Forschung angenommen wurde. Vielmehr konnte der Neubau aus den sonstigen jährlichen Überschüssen finanziert werden. Die blühende Ökonomie liess die Realisierung des Bauprojekts ohne finanzielle Sorgen zu. Aus dieser Sicht kann auch nicht unbedingt davon ausgegangen werden, dass der Bau zum falschen Zeitpunkt realisiert wurde, obwohl auch dem Kloster Muri ein immer stärkerer Wind entgegen blies und sich politische Veränderungen mit der französischen Revolution und der Helvetik anbahnten, die für das Kloster nicht unbedingt von Vorteil sein sollten.

Was ist der Zweck des Baus?
Nach wie vor bleibt aber die Frage bestehen, welchen Zweck der imposante Bau verfolgen sollte. War er tatsächlich als «Parade-Bau» gedacht? Diese Frage muss wohl zu einem grossen Teil mit ja beantwortet werden, denn eine wirkliche Notwendigkeit, und das kann das Werk von Pascal Pauli ebenfalls nachweisen, gab es für den Neubau nicht. Als oberflächliche Gründe wurden für den Neubau damals Risse in der Bibliothek genannt und die Intention, die Klosterschule zu vergrössern. Tatsächlich wurde eine grössere Bibliothek bezogen und die Schule erweitert, aber nicht in dem Ausmasse, dass es tatsächlich den Neubau gerechtfertigt hätte. Der Lehmannbau, so hält der Autor in seiner Dissertation fest, liess sich nicht auf eine Bestimmung reduzieren, sondern sollte wohl alle Tätigkeiten, die das Kloster ausübte, unter einem Dach vereinen.
Mit der helvetischen Revolution im Jahre 1798 änderte sich aber für das Kloster Muri und den Neubau die Ausgangslage drastisch. Damals waren vom Neubau nur der Ost- und der Südtrakt ausgeführt. Da das Kloster nun unter staatliche Verwaltung gestellt wurde, war laut Pascal Pauli an eine Weiterführung des Neubaus nicht mehr zu denken. Das Projekt verlief sozusagen im Sande und das Kloster verfügte über viel zu viele Räumlichkeiten, die es zu einem grossen Teil gar nicht benötigte. Gerade auch daher lässt sich wohl abschliessend sagen, dass der Lehmannbau tatsächlich ein Prestigebau ist, auch wenn er vielleicht in seiner Planung nicht nur als solcher angedacht worden war.

Bettina Leemann
28. September
Bilder: Richard Wurz

Nähere Informationen zu der Publikation von Pascal Pauli gibt es unter www.geschichte.kloster-muri.ch/publikationen

home hauptbeitrag hoch murensia buch2home tab murensia plan1

 

Adresse

freiamtplus.ch
Richard Wurz
Sternengasse 16
5620 Bremgarten

Kontakt

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Impressum

Impressum

Facebook