Kultur

Eine Chronik der Zukunft

Tschernobyl – der Super Gau. Mit dem Musiker Robert Aeberhard beleuchtet die Schauspielerin Kornelia Lüdorff im Kellertheater Bremgarten die verborgenen Innenwelten.


home tschernobylDer Fokus liegt in der Inszenierung «tschernobyl/mylove» nicht auf der politischen Dimension der Des- und Fehlinformation durch den sowjetischen Staatsapparat, obwohl die Katastrophe in Tschernobyl zweifelsohne einen beachtlichen Einfluss auf die Beziehung Ukraine-Russland hatte und bis heute hat. Im Zentrum steht Ludmila Ignatenkos minutiöse Schilderung des Verlusts ihres Ehemannes Wassili, der als einer der ersten Feuerwehrmänner ohne Schutzkleidung den brennenden Grafit vom Dach des Kernkraftwerks schob und diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlte.

Die Schauspielerin Kornelia Lüdorff durchdringt die Geschichte zwischen Liebe und Tod und zeigt, wie wichtig es ist, gegen das Vergessen anzukämpfen. In der Erzählung «Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft» der Autorin Swetlana Alexijewitsch halten sich emotionale Rückblenden über die kurze Zeit mit ihrem Mann und der detaillierte Bericht über die chaotischen Tage im April 1986 in den Krankenhäusern von Pripjat und Moskau, die Waage. Es geht um die urmenschliche Fähigkeit, bis zum bitteren Ende zu hoffen und mit der Macht der Fantasie das System Realität auszuhebeln.

Es ist ein leiser, poetischer und unbequemer Abend mit zeichenhaften und starken Atmosphären. Auf der Bühne wirkt die Schauspielerin der Unsichtbarkeit der Atomkatastrophe mit sinnlichen, selbst gebauten Lichtstimmungen entgegen. Mit Fantasie und Virtuosität erschafft sie eine Parallelwelt, um nicht an der Einsamkeit zugrunde zu gehen und um die Wahrhaftigkeit und Gültigkeit ihrer einzigen wahren Liebe zu beteuern.

Der Text von Swetlana Alexijewitsch ist sehr dicht gewoben, die Worte des Zeugenberichts sind sorgsam gewählt und bedingen ein pures und sehr direktes Spiel. Gewissen- bis wahnhaft bringt die Schauspielerin Kornelia Lüdorff Schilderungen kleinster Einzelheiten des damaligen Alltags bis hin zu den offenen Wunden des von Strahlenkrankheit gezeichneten Körpers dar, über die Ludmila Ignatenko 10 Jahre lang geschwiegen hat. Fast kommt es einem vor, als gäbe es ein Vakuum zwischen dem Zeitpunkt des Geschehens von 1986 und demjenigen ihrer Erzählung. Zwar reflektiert Ignatenko ihr damaliges Handeln nicht mit einer kritischen Distanz, jedoch thematisiert sie das moralische Dilemma, in welchem sie sich mit Kind im Bauch der hohen Strahlendosis aussetzend, befand. So haben wir uns dazu entschieden, den Text in seiner zeitlichen und stilistischen Abgeschlossenheit zu belassen und die Geschichte so wenig wie möglich szenisch zu bebildern, um ganz auf die Vorstellungskraft der Zuschauenden zu setzen.

Es ist ein leiser, poetischer und unbequemer Abend mit zeichenhaften und starken Atmosphären. Auf der Bühne wirkt die Schauspielerin der Unsichtbarkeit der Atomkatastrophe mit sinnlichen, selbst gebauten Lichtstimmungen entgegen. Mit Fantasie und Virtuosität erschafft Kornelia Lüdorff eine Parallelwelt, um nicht an der Einsamkeit zugrunde zu gehen und um die Wahrhaftigkeit und Gültigkeit ihrer einzigen wahren Liebe zu beteuern.

Redaktion
6. November 2022
Bild: zVg

Die Aufführung «tschernobyl/mylove» mit Kornelia Lüdorff findet am Samstag, 12. November um 20.15 Uhr im Kellertheater Bremgarten statt. Vorverkauf: Café Bremgarten, Marktgasse 20, Bremgarten, oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Telefon 056 633 44 22. Weitere Informationen unter www.kellertheater-bremgarten.ch

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