Kultur

Das «andere» Klavierspiel

Am Künstlerhaus Boswil wurde während vier Tagen deutlich gemacht, dass Klavierspielen nicht einfach Klavierspielen sein muss.


home magicpiano teilnehmerAlso man kann ein Werk auf dem Klavier interpretieren und das Spiel auf eine CD aufnehmen und dann wiederspielen und hören, was man gespielt hat. Man kann aber auch auf die moderne Technologie eines Disklaviers zurückgreifen. Dieser Mechanismus ist im Gund nicht neu, sondern hat seinen Ursprung in dem Wiedergabemechanismus des Welte-Mignon Klaviers. Man kann das Werk einspielen und interpretieren bis man der Meinung ist, dass es perfekt ist. Danach kann der Pianist das Klavier spielen lassen und sich geniesserisch hinsetzen, sich selber zuhören und sehen wie die Tasten sich bewegen. Treibt man die Fantasie noch ein Stück weiter, dann könnte man dazu übergehen, dass der Pianist zwar im Konzertsaal präsent ist, der Flügel aber seine perfekte Interpretation von selbst spielt. Doch um Spielereien in diese Richtung ging es in Boswil selbstverständlich nicht, sondern man konnte sich auf die Spurensuche nach den Anfängen der Aufnahmetechnik machen und dabei in die Welt der Welte-Mignon Klaviere eintauchen

Das war ein «Weltwunder»
In einem längeren Verfahrensprozess gelang Edwin Welte (1876 bis 1958) und Karl Bockisch (1874 bis 1952) 1904 die sensationelle Erfindung des Wiedergabemechanismus Welte-Mignon, der in alle Klaviere und Flügel eingebaut werden konnte. So konnten die damaligen Meister ihre Werke auf einem Welte-Mignon Klavier selber interpretieren, auf Papierrollen aufnehmen und wiedergeben. Viele dieser Papierrollen sind erhalten geblieben und inzwischen digitalisiert worden, so dass heute die Pianist*innen von den damaligen Interpretationen der Meister profitieren können. Von den Original Welte-Mignon Klavieren existieren noch drei Exemplare, aber die Firma Yamaha hat sich dieser Technologie angenommen, so dass die damalige Erfindung heute auf digitaler Ebene genutzt werden kann. Es sei aber angefügt, dass das Welte-Mignon-Original damals in jedes Klavier oder jeden Flügel eingebaut werden konnte, heute aber muss sich man bereits beim Kauf eines Flügels für oder gegen digital entscheiden.

Mit der Zange zur Melodie
Die beiden Fachleute Prof. Manuel Bärtsch und Sebastian Bausch, von der Hochschule der Künste Bern, verstanden es auf eine spielerische Art die Kinder in diese spezielle Melodienwelt einzuführen. So erklärte Sebastian Bausch anhand eines Beispiels den Phonographen, mit dem man Töne, Worte und Geräusche aufnehmen kann. Die Kinder sprachen in einen Trichter, der mit dem Aufnahmegerät verbunden war und alles auf die Rolle speicherte. Ein kurzer Moment und die Kinder konnten ab Rolle ihre Töne und Worte wieder hören.

Spannend wurde es, als die Kinder ein leeres Noten-Papierband und eine entsprechend Lochzange bekamen. Nun konnten sie auf diesem Streifen ihre Tonideen einknipsen und eine kleine Melodie komponieren. Abspielen konnten sie ihre Melodien dann auf einer Lochstreifen-Spieluhr und waren erstaunt darüber, wie einfach das machbar ist. Und dann kam der grosse Augenblick. Sie erlebten, wie sie vor einem Flügel standen und dessen Tasten sich bewegten und eine schöne Melodie erklang, ohne dass auf dem Klavierstuhl jemand Platz genommen hatte. Sie konnten das selbst ausprobieren und auf dem Flügel eine Melodie spielen und danach mittels eines Schaltpultes die Töne lauter oder leiser machen und das Tempo stets verändern.

Klavierstunde auf hohem Niveau
In ihrem Meisterkurs lernten die Studenten mit der digitalisierten Welt des Welte-Mignon umzugehen. Sie erhielten ein Werk als Vorgabe, konnten dieses einmal im Original hören, mussten es dann selber spielen und dann ging die Klavierstunde los. Gemeinsam mit Manuel Bärtschi und Sebastian Bausch kritisierten sie das von ihnen interpretierte Werk, vertieften sich in das Originalwerk und gingen so mit akribischer Genauigkeit jedem Ton in seiner Lautstärke und dem Tempo nach, um ihre eigene Interpretation zu vervollkommnen. Das sei für ihn eine Klavierstunde der Sonderklasse, meinte ein Teilnehmender, denn er könne sein eigenes Spiel immer wieder hören und seine Intentionen immer wieder neu eingeben, bis er mit der gesamten Interpretation wirklich zufrieden sei.

Richard Wurz
6. September 2021
Bilder: Bettina Leemann

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